Diese Entdeckung füllt eine große Lücke in unserem Wissen über die menschliche Evolution zwischen 1 Million und 300 Tausend Jahren. Früher blieb dieser Zeitraum weitgehend ein «dunkler Fleck»: Die Wissenschaftler wussten von der Existenz des Homo erectus und späterer Arten, verstanden aber nicht genau, wie der Übergang zwischen ihnen stattfand. Jetzt sehen wir, dass es in Asien einen ganzen Zweig der Hominiden gab, der sich parallel zu den afrikanischen und europäischen Linien entwickelte. Dies ändert nicht nur die Datierung, sondern auch das Konzept der menschlichen Evolution als linearer Prozess.
Für Europa und insbesondere für Deutschland, wo die paläoanthropologischen Schulen traditionell stark sind, hat diese Entdeckung eine besondere Bedeutung. Es erinnert daran, dass die Geschichte der Menschheit keine Geschichte einer einzigen «erfolgreichen» Linie ist, sondern eine komplexe Verflechtung vieler Zweige, von denen viele verschwunden sind und nur Knochen und Steine hinterlassen haben. Jeder neue Fund, sei es in China, Afrika oder Europa, kann unsere Vorstellungen umkehren und dazu führen, dass die Lehrbücher überarbeitet werden.
Die Arbeit an «Yunxian 2″ geht weiter. Die Wissenschaftler planen, zusätzliche genetische und Isotopenanalysen durchzuführen, um mehr über die Ernährung, den Lebensstil und die Migrationen dieser alten Menschen zu erfahren. Eines lässt sich bereits jetzt sagen: Dieser millionenjährige Schädel aus Zentralchina hat unser Verständnis davon, wer wir waren und woher wir kommen, für immer verändert. Er ist eine Erinnerung daran, dass die Evolution niemals stillsteht und dass jeder neue Tag Antworten auf die Fragen bringen kann, die die Menschheit sich seit Jahrhunderten stellt.
